Tanzwettbewerbe

The boyfactor – Werden Jungs im Tanz bevorzugt?

Lesedauer 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einen Interview, welches ich kürzlich im Rahmen der DanceMaster TV Aufzeichnungen gegeben habe.

Ich wurde dort gefragt, ob es im Tanzen Geschlechtergleichheit gäbe. Ich sagte, dass ich das bezweifle. Warum? Nun dazu muss ich etwas ausholen.

Vor einiger Zeit stand ich Backstage bei einem Tanzwettbewerb in Los Angeles und ich bekam mit, wie zwei junge Tänzerinnen sich darüber unterhielten, dass bestimmt der Junge einen Preis bekäme und die Formationen mit vielen Jungs, da ja immer der “Boy Factor” ausschlaggebend sei.

Gibt es einen solchen “Boy Factor”?

Nun, ich glaube, die jungen Tänzerinnen hatten nicht ganz Recht mit ihrem Tip aber dennoch lagen sie nicht falsch , der Solist landete auf dem 2. Platz, die Gruppe nur auf Platz 4. Allerdings hatte die Gruppe auch schlecht getanzt und ich hatte den Solist auch nicht so weit vorne, weil er fürchterliche Füsse hatte und sein Linien ständig verloren hat. Meine Kollegen hatten ihn wohl recht weit nach Vorne platziert. In der Jurybesprechung sprach ich das an und bekam als Antwort, „ja man müsse die Jungs ja schließlich belohnen“.

Müssen wir das? Wofür?

Ich habe nach diesem Erlebnis mal ein wenig nachgeforscht und bin dem Thema machgegangen.

Ich fragte auf meinen Social Media Kanälen und bekam über 120 Antworten von denen 115 der Meinung waren, das Jungs und junge Männer es ihnen bei den Competitions und im Training einfacher gemacht wird.

Vorweggenommen, ich glaube, dass die meisten professionellen Juroren schon die bessere Leistung bewerten, jemanden wegen seines Geschlechts vorzuziehen obwohl er nicht die gleiche Leistung hat, ist unprofessional und unkorrekt.

Warum bewerten also einige Juroren, scheinbar, männliche Tänzer anders? Nun, ich glaube, es geschieht in den seltensten Fällen bewusst aber es geschieht. Es passiert nicht nur, dass Gruppen mit mehr Männern oder männliche Solisten bei gleicher Leistung gewinnen, sondern es kommt auch vor, dass besonders bei männlichen Solisten manchmal über technische Schwächen hinweggesehen wird.

Ich selbst bekomme ja öfters Jury Kommentare von Gruppen, die ich betreue, zu lesen. Häufig beziehen sich dabei Kommentare auf den oder die Jungen.

Wie kommt das? Ich glaube, Jungs im Tanz werden zu sehr idolisiert und hofiert. Choreografien werden oft um den Jungen herum gebaut, Männer kriegen leichter ein Solo, Männern werden dominanter Choreografiert, Männer führen, wir bringen Ihnen bei, dass wir sie brauchen, das ist schon eine Form von eklatantem Sexismus.

Männer in der Tanzwelt bekommen das Wort „Nein“ seltener zu hören, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Männern wird der Einstieg in eine professionelle Laufbahn leichter gemacht, immer noch gibt es mehr männliche hochklassige Profis als es Frauen gibt. Wir beklagen oft, dass es auch im Tanzbereich kaum Frauen in Führungspositionen gibt. Wie soll das auch gehen, wenn die Mädchen schon im Training und bei Wettbewerben erleben, dass sie offensichtlich mehr leisten müssen als Jungs, dass sie am Ende leichter austauschbar sind als ein Mann.

Ich selbst habe es in Trainings erlebt, das manche Solisten Männer, sich Sonderechte herausnahmen und manchmal eine Arroganz an den Tag legten, sie unerträglich war. Nicht alle, aber viele.

Nun ist eine solche Arroganz auch immer eine Form von Unsicherheit und vor allem ein aus der Diskriminierung geborener Überstolz.

Jungs und männliche Jugendliche haben wesentlich häufiger mit Spott zu kämpfen, wie eine dumme TV Moderatorin in den UK kürzlich bewiesen hat als sie über den Ballettunterricht des englischen Prinzen scherzte. Die Tanzwelt reagierte folgerichtig mit dem Hashtag #boysdancetoo.

Das darf aber nicht dazu führen, dass Jungs im Training bevorzugt werden oder Bonuspunkte bekommen bei Turnieren. Wollen die Juroren sie dadurch ermutigen weiter zu tanzen? Belohnen wir sie, weil sie in der Minderheit sind?

Welche Message senden wir damit in die Welt, welche Diskriminierung fügen wir den hart trainierenden Mädels zu?

Was sollen junge Psychen denken, wenn sie sehen “Oh der Junge gewinnt sowieso ich hab eh keine Chance”?

Unsere ganze Tanz Hierarchie in der traditionalistischen Tanzwelt muss sich langsam ändern, das haben inzwischen schon einige grosse Ballett Companies erkannt. Die Darstellung der Frau und der Geschlechterollen im Tanz sollte sich endlich ändern. Choreographien müssen sich nicht um den Jungen drehen, Frauen müssen sich nicht unterordnen, Frauen können auch im Tanz führen, Mädchen können auch heben, Paare müssen nicht aus Mann und Frau bestehen!

Deshalb glaube ich dass wir als Juroren und Trainer an diesen Dingen ansetzen sollten um ein gesellschaftliches Bild zu ändern. Dann brauchen wir männliche Tänzer auch nicht “belohnen”.

Wir müssen gegen toxische Maskulinität angehen, ein tanzender Junge ist weder weibisch noch sollte er besonderer sein als tanzende Mädchen.

Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für solche Themen bei Pädagogen, Choreografen und Juroren.

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