Training zur Diskussion

Aussichten? Prognosen?

Lesedauer 5 Minuten

Hatte ich nicht vor einigen Monaten versprochen, in Zukunft wieder häufiger zu posten? Ja, habe ich, aber ich habe es wieder nicht geschafft. Während des langen Lockdowns vom Oktober 2020 bis fast in den Juni 2021 habe ich tatsächlich weniger Ruhe gefunden, als ich gehofft hatte. Zunächst einmal möchte ich mich gar nicht beschweren darüber, dass ich zu den Wenigen gehöre, die Dank internationaler Arbeit, Online Arbeit und verschiedenen Film- und TV-Projekte immer noch die Möglichkeit hatten, teilweise zu arbeiten, was vielen meiner Freunde und Kollegen nicht vergönnt war. Aber ich muss zugeben, dass mich dennoch diese gesamte Situation mehr mitgenommen hat, als ich zunächst gedacht habe. Ich komme schlechter zur Ruhe, kann schwerer abschalten und mir fehlen diverse soziale Kontakte und alltägliche Abläufe, von denen wir dachten, sie seien die Normalität. Auch mein politisch-aktivistisches Arbeiten im Bereich LGBTQI* und Antirassismus wurde ausgebremst und durch zahlreiche schlechte Nachrichten aus Deutschland und weltweit erschüttert, doch dies ist Thema für meinen anderen Blog.

Nun erlauben uns die aktuellen Entwicklungen wieder stückweise mehr Möglichkeiten und einen langsamen Rückkehr zu Normalität. Manchmal geht es mir alles ein bisschen zu schnell und persönlich würde mich besser damit klar kommen wenn Testpflichten und in einigen Bereichen Masken uns noch etwas erhalten blieben, denn ich habe Angst, dass wir nochmals große Rückwärtsschritte machen müssen, wenn die Zahlen weiter wieder ansteigen und die Impfungen nicht nachkommen bzw. nicht angenommen werden oder sich schlimmere Mutanten des Covid Virus bilden. Aber ich will nicht schwarzsehen und herum unken, ich versuche positiv zu denken und mit Vernunft das zu genießen was derzeit möglich ist.

In den vergangenen Woche hatte ich die Möglichkeit bei befreundeten Studios in Hürth und Lohmar Workshops zu unterrichten, teilweise sogar gut belüftet mit viel Abstand und Masken innen, aber was noch viel besser war draußen in eigens dafür errichtete teiloffenen Tanzzelten mit Tanzboden und wetterfester Überdachung. Die Tanzenden aller Altersstufen lieben die neue Form des Frischluftunterrichtes und fast würde ich mich freuen, wenn solche Freiluftmöglichkeiten uns auch in den nächsten Sommern erhalten blieben. Auch für Yoga, Pilates oder tänzerische Gymnastik und Körperbildung ist das eine tolle Sache.

Zusammen mit meiner Kollegin und Freundin Sabine Odenthal vom Tanzstudio Odenthal hatte ich die Gelegenheit, Anfang Juli sogar ein Tanztheaterprojekt mit Kindern und Jugendlichen zu gestalten. Mit freundlicher Unterstützung aus dem Förderprogramm der LAG Tanz NRW e.V. konnten wir mit 21 Kindern und Jugendlichen auf der Basis des Elementaren Tanzes, des Zeitgenössischen Tanzes und des Tanz- & Bewegungstheaters ein 35 minütiges Tanztheaterstück entwickeln und sogar am letzten Abend Outdoor vor Publikum präsentieren. Zwei Studentinnen der Kölner Film Hochschule haben die Proben und die Aufführung begleitet und werden daraus eine Dokumentation editieren.

Zuviel zur Einleitung.

Während dieser Arbeiten und Projekte sind mir Dinge aufgefallen und Gedanken entstanden, die ich in diesem Beitrag zur Diskussion stellen möchte. Gerne lese und höre ich Eure Meinungen und Erfahrungen dazu.

Soziale und Körperliche Folgen bei den Kindern und Jugendlichen

Zunächst einmal möchte ich sagen, wie befriedigend es war, die Freude bei den Teilnehmenden zu sehen und wie sie im Laufe der Projekte auftauten, welche Energie und Engagement sie entwickelten. Es ist uns aber auch aufgefallen, wie schwierig es ist, Einzelne (besonders Jugendliche, bei den kleineren Kindern geht es leichter) wieder zum Präsenzunterricht zu bekommen, entweder sind sie immer noch verängstigt oder haben gar die Lust verloren oder sich anderweitig neue Hobbies gesucht.

Die Tanzenden, die zu uns kamen, waren sehr dankbar und hochmotiviert, viele waren einfach nur glücklich keinen Zoom Unterricht mehr zu haben, manche hatten die aus die ganze Zeit während der Lockdowns gar nicht getanzt, da Ihnen Zoom nicht zusagte.

Was aber ins Auge stach waren folgende, wie ich finde für unsere Arbeit in den nächsten Monaten sehr wichtige, Punkte:

  1. Die Ausdauer der Tanzenden (Kraftausdauer und Cardio Ausdauer) hat erschrecken nachgelassen, viele haben bei Zoom hauptsächlich Beweglichkeit trainiert oder auf kleinem Raum Routines und Mini Choreos meist nur angedeutet, selten ausgestanzt.
  2. Mangelnde Orientierung im Raum/kein Raumgefühl: Die Tanzenden hatten eklatante Schwierigkeiten, Raumwege zu finden, den Raum zu nutzen und sich im Raum zu orientieren und zu fokussieren, was natürlich den beengten Verhältnissen zu Hause vor dem Bildschirm geschuldet ist aber auch der Tatsache, dass wir auch nach dem ersten Lockdown im letzten Jahr hauptsächlich am Platz arbeiten durften und Raumwege und Diagonalen vermieden haben.
  3. Fast alle Tanzenden haben Fehlhaltungen im Nacken- und Schulterbereich sowie im oberen Rücken entwickelt, die meisten schauen beim tanzen permanent nach unten, was vermutlich zum einen den langem Sitzen am Computer für Homeschooling und Co geschuldet ist und zum Anderen der Position des Laptops oder Smartphones während des Zoom Trainings, wo diese meist auf dem Boden oder einen Stuhl oder Tisch gestellt wurden und sich nicht auf Augenhöhe befanden.
  4. Uns ist ausserdem aufgefallen wie schwer es manchen Teilnehmenden gefallen ist, sich wieder zu sozialisieren, miteinander zu sprechen und auf einander zuzugehen. Durch die Regelungen in NRW und dem Aussenunterricht, sowie konsequente Testungen konnten wir sogar Partnerarbeit machen, was Vielen auffällig schwer viel und Alle Zeit brauchen, Vertrauen zu entwickeln, diese Nähe wieder zulassen zu können.

Dies sind nur 4 Punkte. Ich habe von Kollegen auch mehrfach gehört, dass die Zahl der Tanzenden mit Essstörungen oder anderen psychischen Auffälligkeiten (z.B. Ritzen) zugenommen hat. Auch denke ich, dass wir Pädagogen in Zukunft wachsamer in der Beobachtung von Zeichen eventueller häuslicher und oder sexueller Gewalt sein müssen. Die LAG Tanz Nordrhein-Westphalen hat dazu und für die allgemeine Arbeit mit Kindern und Jugendliche übrigens eine sehr gutes Schutzkonzept und Handlungsempfehlungen entwickelt, welches auf der Webseite downloadbar oder als Flyer in Druckform erhältlich ist.

In den nächsten Monaten sollte unser Unterricht, meiner Meinung nach, versuchen, diese Dinge zu beachten und körperlich und psychisch berücksichtigen. Ich stelle sogar in Frage, wieviel Wettbewerbs- und Leistungstanzen wir in den nächsten Monaten brauchen und ob wir uns nicht eher etwas mehr auf das künstlerisch, kreative Arbeiten konzentrieren sollten. Immerhin bilden wir in erster Linie Künstler*innen aus und erst in zweiter Linie Leistungssportler*innen. Gerade im Tanztheaterprojekt in Hürth konnten wir gerade erleben wie wichtig die freie, kreative Auseinandersetzung mit Themen und Emotionen ist, wie wichtig der geführte improvisatorische Ansatz in der Tanzausbildung immer noch ist. Tanzausbildung heisst auch Hilfe bei der Persönlichkeitsbildung.

Soweit meine Gedanken für heute. Ich könnte mehr schreiben, aber würde mich freuen, wenn dieser Beitrag bereits ausreicht, zur Diskussion anzuregen. Wie bereits oben geschrieben freue ich mich, Eure Erfahrungen, Meinungen und Ideen zu lesen.

Bleibt gesund und geniesst den Sommer. Allein Freunden und Kollegen die von der Flut betroffen sind, haltet durch und bleibt stark.

In der Hoffnung, dass wir und im Herbst und Winter zu spannenden Projekte wieder persönlich sehen können.

Titelbild: Doris Schuster-Weber, Lohmar / weitere Fotos: Sten Kuth und Doris Schuster-Weber

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