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Rettet den Tanzbären

Lesedauer 4 Minuten

Es ist nun schon wieder eine ganze Weile her, seit ich den letzten Post hier im Blog geschrieben habe.

Es ist nicht so, dass ich nicht geschrieben hätte, eher im Gegenteil, ich habe sehr sehr viele Artikel bereits vorgeschrieben, aber nichts veröffentlicht, da ich mir vorgenommen habe, in den nächsten Monaten regelmäßig jeden Dienstag und jeden Freitag einen neuen Artikel zu posten. Deshalb habe ich mir einzelne Artikel aufgespart.

Hier ist nun der erste Beitrag für den März, noch mal auf das Thema Corona zurückkommend, ich verspreche aber, in den nächsten Monaten wieder verstärkt über erfreulichere Themen wie Ernährung, Trainingstips, Tanzgeschichte und hoffentlich auch irgendwann auch wieder über Veranstaltungen zu schreiben.

Vielleicht hast Du Dich beim Lesen der Überschrift ein wenig gewundert.

Diesen Slogan, „Rettet den Tanzbären“ las ich kürzlich auf einem Instagram Profil eines befreundeten Studios in Jena. Er ist Teil einer Kampagne, welche die Stadt Jena schon bereits vor Corona startete, um die Kulturlandschaft zu fördern. Der Slogan „rettet den Tanzbären“ soll anregen, wieder mal in die Tanzschule zu gehen. Es gab verschiedene Slogans für verschiedene Kulturbereiche, wie zum Beispiel den Slogan „Rettet den Ohrwurm“, der die Leute dazu ermutigen wollte, mal wieder in die Philharmonie zu gehen. Und so gab es für alle möglichen Kultureinrichtungen Slogans. Die gesamte Kampagne nennt sich www.bedrohte-lebensarten.de

Ich finde das eine hübsche Idee, aber gleichzeitig macht es mich ein wenig traurig, denn wenn ich mir die Situation nach einem Jahr Corona anschaue, frage ich mich manchmal, wie wir den Tanzbären noch retten können.

Tagtäglich erreichen mich Nachrichten von Kolleg:innen und befreundeten Studios, die mir berichten, dass sie kurz vor der Schließung stehen, nicht mehr lange durchhalten werden oder bereits geschlossen haben.

Welches Drama sich daraus für unsere Tanzlandschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Schon jetzt ist klar, dass wir auch in diesem Jahr keine wirkliche Turnier Saison und keine grossen Bühnenshows haben werden, und wenn wir kleinere Turniere oder Bühnenprojekte haben können, wird die Leistung im tänzerischen Bereich nicht sehr hoch sein, da niemand trainieren konnte. Und das werden wir auch noch im nächsten Jahr so erleben, auch wenn wir dann wieder mehr Wettbewerbe und Aufführungen haben werden sollten, aber die Leistung und den Trainingsrückstand werden wir so schnell nicht mehr aufholen können.

Gleichzeitig mache ich es mir etwas Sorge darüber ob es, wenn es weniger Schulen gibt, dann auch weniger Tanzschüler:innen geben wird oder werden einige Schulen dafür mehr Besucher:innem haben? Wieviele Jobs werden für uns Tanzpädagog:innen bleiben? Ich rechne zudem damit, dass die Studios auch nicht mehr die hohen Honorare zahlen können, die manche jungen Kolleg:inmen inzwischen verlangen (und die selbst ich nach 30 Jahren im Beruf und mit einer internationalen Karriere nicht verlangen würde, aber dies ist eine andere leidige Geschichte)

Wie wird der gesellschaftliche Status des Tanzes nach Corona sein? Schon jetzt hat man den Eindruck, dass Kultur in unserem Land keine wirkliche Lobby hat. Dabei ist kulturelle, kreative und tänzerische Bildung für Kinder und junge Menschen extrem wichtig. Werden wir diesen Bildungsauftrag nach Corona noch gerecht werden können?

Vielleicht kann es auch passieren, dass die Tanzstudios und Ballettschulen nach Corona die Preise erhöhen müssen, um aus den roten Zahlen zu kommen? Werden dann Tanzstunden noch für alle erschwinglich sein?

Im Ausbildungsbereich haben wir schon jetzt das Dilemma, dass den Ausbildungsschüler:innen bereits ein Jahr Training und Bühnenerfahrung genommen wurde. In der Tanzausbildung kann man nicht einfach ein Schuljahr wiederholen. Ich habe Angst, dass einigen Jahrgängen inzwischen schon der Traum und die Chance, Tanz Profi zu werden genommen wurde.

Auch frage ich mich als Pädagoge und Ausbilder, ob ich jungen Menschen, in einem Land, indem die Kultur in Krisenzeiten scheinbar nicht wert geschätzt wird, überhaupt noch mit einem guten Gewissen zu einer professionellen Laufbahn im Tanz raten kann.

Ich ärgere mich auch etwas, wenn ich sehe, wie sich viele Tanzverbände und Fach Organisationen in einem Jahr so gut wie gar nicht bewegt haben um ihre Mitglieder zu unterstützen. Es fehlt an Lobby Arbeit und politischer Arbeit. Wir Tanzschaffenden sind Künstler. Wir drücken uns durch Tanz aus, verpacken unsere politischen Inhalte in künstlerische Gestaltungen. Aber wir brauchen interessensverbände, die für uns laut werden und kämpfen.

Positiv beobachte ich, wie inzwischen immer mehr kleinere Netzwerke aus befreundeten Schulen und Tanzschaffenden entstehen, die sich gegenseitig Mut machen, unterstützen und gemeinsame Maßnahmen ergreifen, um durch die Situation zu kommen, sei es durch gemeinsame Zoomprojekte oder auch nur durch beratenden Beistand.

Es braucht sehr guten Zusammenhalt. Aber damit ist es nicht getan.

Die Tanzschulen brauchen die Unterstützung ihrer Schüler:innen bzw der Eltern der Tanz Jugend.

Ich kann verstehen, dass viele Schüler:innen inzwischen keine Lust mehr auf Zoom Unterricht haben. Viele der Jugendlichen sitzen von morgens bis nachmittags für die Schule vor dem Computer und müssen dann noch ihre Freund:innen über Internet treffen und sollen dann noch ihren Tanzunterricht mit dem Computer machen. So viel muss kein Erwachsener der Vollzeit arbeitet vor dem Rechner sitzen.

Aber ich hoffe, dass Allen, die sich jetzt in der Krise aus ihrem Tanzstudio ab melden, bewusst ist, dass ihr Tanzstudio nach Corona eventuell nicht mehr da sein könnte. Ich kann alle verstehen, die durch Corona selber in einer angespannten Finanzsituation sind, dass sie aus Kostengründen die Beiträge ruhen lassen oder ihre Mitgliedschaft kündigen müssen. Aber ich kann nicht verstehen, dass man sich ab meldet, obwohl das Studio ZoomAngebote macht und sich bemüht das Beste aus der Situation zu machen. Ich kann vor allem nicht verstehen dass man sich ab meldet von einem Hobby, welches für die meisten mehr als ein Hobby, nämlich Leidenschaft bedeutet. Ich kann nicht verstehen, dass man sich ab meldet von einem Lehrer, der einen Jahre lang unterstützt hat, einen tänzerisch soweit gebracht hat wie man heute ist. Ich kann nicht verstehen, wenn man sich ab meldet, obwohl man es sich finanziell leisten könnte.

Viele Tänzer:innen buchen Zoom Klassen bei Lehrer:innen in der ganzen Welt. Das ist einer der Vorteile des Zoom Trainings, dass wir inzwischen ohne zu Reisen weltweit trainieren können. Aber ist es das wert, dass wir das Geld für die Zoomtrainings ausgehen, während unser Heimat Studio kurz vor dem Bankrott steht?

Mit SKdance.org habe ich sehr lange überlegt ob wir Zoom Angebote machen sollen. Ich habe mich entschieden, nur einige wenige, spezielle Angebote zu machen, die ergänzend zum Training des Studios sein können.

Mein Wunsch wäre, dass alle tanzenden Menschen in Deutschland ihre eigenen Studios vor Ort mehr unterstützen würden.

Wenn Ihr den Tanzbären retten wollt, unterstützt Euer Tanzstudio. Haltet Euerem Ballettschule die Treue. Werft euer Geld nicht raus für unzählige, unnötige Choreografie Klassen, sondern sucht euch das Training, welches euch wirklich weiter bringt. In dieser schwierigen Zeit, erinnert euch einmal daran, dass Eure Ballettschule vor Corona nicht nur der Ort des Tanzunterrichts war, sondern der Ort an dem ihr Freunde und Gleichgesinnte treffen konntet, ein safe space wo ihr Euch kreativ, künstlerisch und körperlich ausleben konntet.

Rettet den Tanzbären. Er ist eine bedrohte Lebensform. Und ohne das Tanzstudio als Lebensraum kann der Tanzbär nicht existieren.

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