Darf man die Jury ansprechen?

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Ja, auch fĂŒttern, nur nicht streicheln. 😏 Ein Statement.

In letzter Zeit erreichen mich immer wieder Ă€hnliche Fragen. TĂ€nzer:innen, Eltern und PĂ€dagog:innen Schreiben mir Dinge wie  â€žwir haben Sie auf dem Wettbewerb gesehen aber wir haben uns nicht getraut, hallo zu sagen, dĂŒrfen wir sie eigentlich in den Pausen ansprechen?“ oder „wir dĂŒrfen ja auf den Wettbewerben nicht mit den Juroren sprechen, aber vielleicht darf ich sie hier auf Instagram bezĂŒglich der Wertungen XY fragen“.

Zwei Fragen, zwei unterschiedliche Antworten.

ZunĂ€chst ein allgemeiner Hinweis. Bei vielen Turnieren steht im Reglement, dass Teilnehmer:innen, PĂ€dagog:innen und Angehörige die Jury nicht ansprechen dĂŒrfen. Der Grund dahinter ist natĂŒrlich, dass die Entscheidung jedes Jurymitglieds persönlich und unanfechtbar ist und unnötige Diskussionen dadurch vermieden werden. NatĂŒrlich ist jede Wertung, besonders wenn sie vielleicht nicht so gut wie erwartet ist, immer eine individuelle Entscheidung des Jurors oder der Jurorin ist. Trotz aller BemĂŒhungen um ObjektivitĂ€t ist Tanz kein klar messbarer Sport,  in jeder Entscheidung ist immer auch ein kleiner Prozentzahl subjektives Empfinden de Wertungsrichter:innen. Bei der Menge an BeitrĂ€gen, die wir in einem Wettbewerb sehen, sind wir außerdem auch nicht in der Lage, alle Wertungen und BegrĂŒndungen abrufbereit im Kopf zu behalten. Es ist auch etwas unfair, uns dann in Diskussionen ĂŒber eine Entscheidung zu verwickeln, die wir vielleicht 2 Stunden vorher getroffen haben. Und außerdem, wenn uns jeder fragen wĂŒrde, so hĂ€tten wir keine Pausen mehr. Sie können davon ausgehen, dass bei einem langen Wettbewerbstag, die Jury auch ihre Pause braucht, um einfach den Kopf wieder frei zu bekommen und die Energie aufzuladen, bevor es in die nĂ€chste Kategorie geht, wo wie wieder fokussiert und konzentriert da sein mĂŒssen.

Dies ist aber nicht der einzige Grund. In der Vergangenheit sind auch Situationen aufgetaucht, wo TĂ€nzer:innen anderer Schulen oder Vereine beziehungsweise die PĂ€dagog:innen oder Eltern glaubten, sie wĂŒrden benachteiligt, weil sie gesehen haben, dass die und der, die Jury kennt und mit einzelnen Juror:innen gesprochen hat. Besonders, wenn dann dieser Beitrag im Wettbewerb auch noch gut abschneidet,  dann wird oft getuschelt und an der ObjektivitĂ€t und NeutralitĂ€t gezweifelt.

Dies wollen viele Veranstalter vermeiden und aus diesem Grunde gibt es oben genannte Regel.
In manchen Wettbewerbsserien gibt es so genannte Teachers Meetings, in denen alle Schuldirektor:innen, Choreograph:innen und PĂ€dagog:innen die Möglichkeit haben, der gesamten Jury Fragen zu stellen, die dann öffentlich fĂŒr alle Anwesenden beantwortet werden. Der Vorteil dabei ist, dass alle die Antworten hören können, welche die Mitglieder der Jury auf die individuellen Fragen geben und jeder davon profitieren kann.

Diese Regeln sind alle nachvollziehbar, aber im Zeitalter von Social Media, wo man die Juroren auch anschreiben könnte, finde ich es auch irgendwie ein bisschen ĂŒbertrieben, die Juroren komplett abzuschirmen. 

Ich habe fĂŒr mich persönlich daher in den letzten Jahren ein paar eigene Regeln aufgestellt, nach denen ich verfahre, wenn der Veranstalter es nicht klipp und klar anders wĂŒnscht und regelt.

Wenn man so lange in der Branche ist wie ich, dann bleibt es nicht aus, dass man sehr viele Menschen kennt, in vielen Schulen war ich zu Gast und viele Generationen habe ich ausgebildet. Ich finde es fast schon angenehmer, bei einem Wettbewerb Viele zu kennen, als nur ein oder zwei Gruppen. Das Gerede ist meist viel grĂ¶ĂŸer ist, wenn die Leute vermuten, dass man eine Gruppe kennt und eventuell bevorzugt, als wenn ich alle kenne. 

Auch denke ich, dass ich genug ProfessionalitĂ€t entwickelt habe bestimmte externen Faktoren in meiner Wertung auszublenden. WĂ€hrend des Wettbewerbs zĂ€hlt einzig und alleine die momentane Leistung des Moments auf der BĂŒhne. Übrigens ist es hĂ€ufig sogar fĂŒr die Gruppen oder Solist:innen schwieriger, wenn ich einen Tanz bereits kenne, da ich natĂŒrlich die Tagesleistung viel besser einschĂ€tzen kann, wenn ich den Tanz bereits zuvor besser gesehen habe. 

Dennoch gibt es fĂŒr mich ein paar no goes.

Zum Beispiel wĂŒrde ich in der Regel keine eigenen Gruppen bewerten, keine eigenen TĂ€nze. In diesem Fall ist es ĂŒbrigens in der Regel so, dass der betreffende Juror oder die Jurorin den Beitrag nicht wertet, und die fehlende Wertung ersetzt wird durch eine Quersumme aus allen Wertungen der anderen Jurymitglieder.

Nun aber zu der Beantwortung der beiden oben gestellten Fragen

Ich halte es ganz einfach: Ja, wenn ich mich im öffentlichen Bereich bei einem Wettbewerb aufhalte, darf man mich ansprechen. Man darf gerne mit mir Smalltalk halten, aber ich beantworte keine Fragen zur Wertung und zum Wettbewerb. Allerdings fĂŒhre ich GesprĂ€che prinzipiell nur sichtbar und öffentlich, so dass sich auch andere in das GesprĂ€ch einklinken könnten und nicht hinter dem RĂŒcken Heimlichtuerei vermutet werden kann. Es gibt aber auch Momente, in denen ich einfach etwas Ruhe haben möchte und dann sollte man mir bitte nicht böse sein, wenn ich ein GesprĂ€ch ablehne. 

Ich finde es allerdings manchmal etwas seltsam, dass manche sich noch nicht einmal trauen Hallo zu sagen. GrĂŒĂŸen geht immer, ein LĂ€cheln wird gerne genommen und Selfies mit den TĂ€nzer:innen sind in der Regel auch immer okay.

Die Antwort auf die zweite Frage ist etwas komplizierter, oder auch nicht, sie ist nur wesentlich strikter: Ich beantworte per E-Mail oder Social Media prinzipiell keine Fragen zu Wettbewerben, bei denen ich als Juror tĂ€tig war, weder bezĂŒglich meiner Wertung oder bezĂŒglich der Wertungen meiner Kolleg:innen. Die einzige Ausnahme ist, wenn eine allgemeine Frage gestellt wird, die vielleicht auch fĂŒr andere TĂ€nzer:innen wichtig und interessant sein könnte. In diesem Fall wĂŒrde ich die Frage öffentlich auf meinen KanĂ€len schriftlich oder als Video beantworten, so können alle wie bei den oben genannten Teacher Meetings davon profitieren. Auch kennen einige ja bereits die unregelmĂ€ĂŸigen Judges Tipps, die ich aber nun auf Instagram poste. Wer diese lesen möchte, sollte einfach mal durch mein Instagram Feed durchscrollen, dort sind einige der Ă€lteren Tipps zu finden, die immer noch aktuell sind.

Ich hoffe, dass diese Fragen beantwortet sind, und freue mich, Sie/Euch alle in den nÀchsten Monaten bei diversen Wettbewerben wieder zu sehen.

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